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Zeitungsartikel Süddeutsche Yiwu

Architektur für Millionen

Alexander Schwab aus Unterhaching baut auf 30 Hektar ein neues Stadtzentrum im chinesischen Yiwu

Sich immer wieder neue Geschenke überlegen zu müssen, das sei das Anstrengeste an Geschäften mit China, sagt Alexander Schwab. Masskrüge, Schnupftabakdosen - die Bavaria hat er eigentlich alle durch. "Aber man muss diesen Brauch ja bedienen, wenn man nicht blöd dastehen will", sagt Schwab. Sein jüngstes Mitbringsel sollte aber erst einmal für einige Zeit vorhalten. Schwab hat mit seinem Unterhachinger Architekturbüro ASA das neue Stadtzentrum in Yiwu entworfen, ein Geschenk noch ein gutes Stück größer als der Münchner Arnulfpark.

Hat man sich erst einmal angefreundet, läuft der Rest in China wie von allein.

Die Oberste Baubehörde in Chinahat im Süden der Stadt extra eine 30 Hektar große Wiese freigehalten, um dort einen architektonischen Glanzpunkt setzen zu können. In dem neuen Viertel werden sich futuristische Formen mit traditionellen Elementen der chinesischen Baukunst vermengen. Als Symbol der Ganzheit wird ein runder See entstehen, darum herum sollen sich Gebäude gruppieren, deren Fassaden an die Holzgitter in chinesischen Tempeln erinnern. Mit diesem Entwurf hat sich Schwab gegen fünf weiter Konkurrenten durchgesetzt.

Schwab hat vor fünf Jahren seine Geschäfte ins Ausland ausgeweitet. Und da durch die Partnerschaft zwischen dem Freistaat Bayern und der chinesischen Provinz Shandong auch unter Architekten schon einige Beziehungen bestanden, fiel die Wahl damals auf Fernost. In Shanghai eröffnete er ein Partnerbüro, auch um sich nicht alleine auf die Auftragslage in Deutschland verlassen zu müssen. Etwa zehn Prozent des Umsatzes macht Schwabs Architekturbüro mittlerweile im Ausland.

Schwab ist immer wieder in China, um neue Aufträge an Land zu ziehen. Dabei schadet nicht, dass er gerne Tischtennis spielt, ihm die in China traditionellen Trinkriten auch aus der bayerischen Kultur geläufig sind und er auch sonst ein geselliger Mensch ist. Hat man sich nämlich erst einmal angefreundet, läuftin China der Rest wie von selbst. In der Provinz Weiqiao etwa hat er fünf Dörfer zu einem zusammengefasst, in Shenzhen steht er kurz davor, ein riesiges Jugendzentrum errichten zu dürfen un din der ostchinesischen Metropole Rizhao hat er zwei weitere Architekturwettbewerbe gewonnen. Diese Pläne verschwanden dann aber wieder in den Schubladen irgendeiner chinesischen Baubehörde.

Geschäfte stünden in China lange auf wackeligen Beinen. Man könne sich nie sicher sein, ob ein Wettbewerb "just for fun" ausgeschrieben worden sei. "Man muss es verkraften können, wenn man für die Tonne zeichnet", sagt Schwab. In  Yiwu scheint alles in trockenen Tüchern zu sein. Ein neuer Bürgermeister treibt das Projekt vehement voran. Nach halbjährigen Verhandlungen gab das chinesische Finanzministerium im August sein Okay, vor einigen Tagen wurde der Vertrag unterschrieben.

Mit seinen 800.000 Einwohnern ist Yiwu für chinesische Verältnisse zwar eher eine Kleinstadt, gilt aber als Marktplatz der Welt. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt hier so hoch wie kaum woanders in China. Kilometerweit dehnen sich in Yiwu fünfstöckige Messehallen aus, in dnen alles verkauft wird, was man sich an Konsumgütern vorstellen kann, vom Plastikspielzeug bis zur Ledertasche.

Südlich der Markthallen soll nun das moderne Stadtzentrum entstehen, mit seinen maximal 20 Metern Höhe für China unüblich flach. Eigentlich schießen die Häuser in der Volksrepublik geradezu in den Himmel. Der Staat treibt seine Vison von den "Mega-Citys" voran. In den nächsten 20 Jahren sollen weitere 350 Millionen Menschen in die Städte ziehen, um die Versorgung zu erleichtern. Gemessen an diesen Maßstäben wirkt Yiwu derzeit noch nahezu europäisch.

Staat treibt seine Vision von Megacitys voran.

China bemühe sich derzeit, einen Mittelweg zu finden, eine vernünftige Höhenentwicklung einzuleiten, sagt Schwab. Und auch bei der Energieeffizienz versucht China, neue Wege zu gehen und beauftragt deshalb Architekten aus Deutschland. "Was das angeht, ist unser Vorsprung international bekannt", sagt Schwab. Wer es sich leisten kann, greift heute gerne auf europäisches Know-how zurück. Die "oberen Zehntausend", in China sind das immerhin ungefähr 65 Millionen Menschen, wollten sich nicht mehr mit "den Kopien und all ihren Mängelnabfinden", sagt Schwab, "die wollen jetzt die Originale." Und das treffe nun nicht mehr allein auf Autos zu, sondern eben auch auf Architektur.

180 Millionen Euro wird das Projekt in Yiwu wohl kosten -  nach chinesischem Lohnniveau. In Deutschland wäre es leicht das Fünffache. So oder so, auf jeden Fall ein richtig gutes Geschenk.

Quelle: Süddeutsche Zeitung, Ausgabe vom Freitag, den 08.10.2010, Stadt und Landkreis München, Seite R12